Folge 12: Mensch steh auf!

Mauern aufbauen. Zäune hochziehen. Wasserdüsen anstellen. Klassische Musik einschalten. Steine pflanzen. Scheinwerfer parken. Die Ideen jener, die weder ihr Zuhause verloren, noch ihre Arbeitsstelle, noch ihre Familien, werden immer pfiffiger. Aber womit nun einer unter uns nicht rechnete: die Bürger stehen auf! Danke, Herr Markus Schreiber, dass Sie den Gegenwert von 350.000 Brötchen „ausgaben“. Ungefragt. Oder abgesprochen mit der Sekretärin Ihres Vertrauens? Es gibt Wohnheime für obdachlose Menschen? Es mangelt dort an Frieden und Hygiene, hört man jene sagen, für die man diese Einrichtungen ins Leben rief. Außerdem wurden die Gebühren erhöht.

Vertreiben statt versorgen? Wohin treiben wir die Obdachlosen, deren Schicksal die einen neugierig und betroffen, die anderen gleichgültig und abschrecken lässt? Sie werden morgen keinen ICE besteigen und in der nächsten Stadt ihr Glück versuchen. Zäune gegen Vergewaltigungen, Gewalt und Angst? Stellen wir doch (ehrenamtliche) Ruheständler als Wachposten auf, die sowohl Obdachlosen als auch jungen Spaziergängern ein kleines Gefühl von Sicherheit vermitteln könnten. Aber der (körperlichen) Gewalt kann niemand durch (psychische) Gewalt entkommen. Gewalt kann überall Zuhause sein. Mit oder ohne Obdach. Vor oder hinter herunter gezogenen Gardinen. In Bahnhöfen oder in Einkaufsstraßen. Am Mittag genauso wie um Mitternacht. Und dabei sind Obdachlose eher Opfer als Täter. In ihrer Wehrloshaltung ein Ventil, ein Kalkül.

Schade, dass das Bauen von Zäunen und das Betonieren von Steinen uns Bürger erst bewegen muss. Aber trotzdem: wir stehen auf und zeigen uns solidarisch. Und am Ende gewinnen wir! Und könnten noch viel mehr gewinnen, als GEMEINSCHAFT! Und doch – in ein paar Wochen klingt auch dieser Kampfgeist wieder ab. Und dann übersehen wir wieder jene Menschen, für die wir uns eben noch eingesetzt. Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht, wir können sie nicht einmal riechen! Aber sie gehören zu unserer Stadt wieder jeder andere auch! Wenn die Temperaturen in Kürze wieder stürzen, wenn wir unsere warmen Stiefel vom letzten Jahr aussortieren, weil sie out of trend sind, schauen wir eher beiläufig in ihre Gesichter. Und auf ihre Körper. Die einen spielen leise Mundharmonika, die anderen zeichnen kleine Bilder. Aber viele haben weder Kraft noch Übung für beides. Wir, denen es an nichts mangelt, die aber täglich etwas Neues zu „brauchen“ scheinen, sollten doch noch einmal GEMEINSAM etwas gegen das EINSAM tun. Und wenn es nur ein kleiner Kuchen, eine warme Tasse Suppe, das Kleingeld aus der Hosentasche, ein paar warme Handschuhe sind….bald ist Weihnachten! Und für manche Obdachlose ist jeder Tag ein Fest, an denen sie „geduldet“ werden.

Vielleicht aber bauen wir auch die längste gedeckte Tafel in der Einkaufsstraße auf, an denen all jene Platz nehmen, die an jenem Tag „König“ statt „Bettler“ sind. Unsere Stadt hat viele Gesichter: rund 1,8 Millionen. Nicht alle sind schön, gesund, wohl ernährt, geschminkt und duftend. Wir wünschen niemand, dass er jemals auf der Straße leben muss, weil es dort sicherer ist als in Wohnheimen. Wir wünschen nicht, dass die heute Gesunden schon morgen zu den Kranken gehören. Aber auch genau jene gehörten gestern vielleicht noch zu jenen, die neben uns im Vier Jahreszeiten ihre Austern schlürften oder ihren Familien die Frühstückssemmeln beim gleichen Bäcker wie wir kauften. 1,8 Mio. Gesichter. Eins von ihnen ist Ihres!

Viele der Obdachlosen können vielleicht nie wieder aufstehen, voller Stolz gerade gehen. Aber auch sie haben Würde. Und in ihnen schlägt ein Herz, das nicht erkaltet ist. Ihre Lebensgeschichte frisst mit Sicherheit viel Hoffnung auf ein schönes Morgen, aber nicht ihren Lebenswillen. Was könnten wir von ihnen lernen? Setzen wir uns einmal neben sie und hören zu. – Umgekehrt behaupte ich: ein Obdach macht noch keinen Menschen!

Zuguterletzt: wir müssen uns nicht schämen, die Malediven zu bereisen, einen Jaguar zu fahren, uns täglich schöne Dinge zu kaufen – solange…. ja, solange wir nicht VERGESSEN, ab und zu mal etwas abzugeben.

Bis bald, Ihre Conni

Anm.: Zwischen 5.000-15.000 Menschen leben in Hamburg in „verdeckter“ Obdachlosigkeit. Foto: Dierk Schaefer

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