Folge 02: Ente gut, alles gut?

Während sich die meisten im Oktober noch ihren Sonnenbrand vom letzten Urlaub streicheln, sprühen Lebkuchen bereits in einigen Supermärkten ihr Odeur. Und spätestens mit diesem Ereignis herrscht Unruhe in der Stadt. Panik. Geschubse. Da werden Wunschzettel geschrieben, Weihnachtsmänner gebucht und Lametta aus dem Vorjahr entklettet. Da prügeln sich Ehefrauen vor dem Regal um die letzte Krawatte, da stehen Ehemänner Schlange für das letzte Töpfchen Faltencreme. Kochtöpfe, Toaster, sexy Unterwäsche haben Hochkonjunktur.

Wie immer. Wie im letzten Jahr. Und auch im Jahr davor. Weihnachten – in den Kirchen steht man freiwillig hinter überbevölkerten Bänken, wirft freiwillig mal einen Schein in die Kollekte, verspeist freiwillig auch mal gestopfte Leberpastete. Weihnachten – ein Fest voller Liebe. Ein Fest voller Hiebe. Denn die Erwartungen sind hoch. Da sind Geschenke falsch, zu wenig, zu billig, zu hässlich, zu kurz, zu eng. Da schmeckt die Ente nicht wie bei Tim Mälzer, da kippt das Sahnedessert, da wird der Rotkohl zum Braunkohl, das aufgetaute Tiefkühlobst reicht doch nicht mehr für alle. Weihnachten ist Stress. Die einen lieben ihn, ist ja nur einmal jährlich, die anderen flüchten vor ihm, die Karibik liegt ja um die Ecke. Jede Medaille hat eben zwei Seiten. Oder noch ne dritte, gar ne vierte?

Still erleuchtet jedes Haus, Korinthen, Mandeln, Weihnachtsmärkte, Oh du Fröhliche, Bach für die Großen, Zuckowski für die Kleinen. Rote Kerzen, Tannenduft. Kalter Atem, warme Füße, Kirschkernkissen, Glühweintee mit Schuss. Das Sinnieren über gute Rezepte, besondere Aufmerksamkeiten, schöne Kleidung, gedeckte Tafeln. Weihnachtsgeschichten, Keksrezepte, Mitternachtsmessen und Schneemänner in Kleinformat. – Und eine weitere Seite der Medaille zeigt jene, die wir gern verdrängen. Es geht um Menschen, die das Fest der Liebe alleine feiern, schon immer oder auch zum ersten Mal. Und jene, die sich an ihre ungewaschenen Schlafsäcke ein kleines Licht aus brennenden Stöckchen schustern. Wie lange sie wohl keinen geschmückten Christbaum mehr von Nahem gesehen? – Und zu aller letzt muss es eine Seite geben, die uns an diese Menschen erinnert: sie haben eine Wohnung. Aber ein Zuhause haben sie nicht. Danke, dass Sie mich gelesen haben.

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